ideologiekritik in wilhelm buschs
"eduards traum"

Die Berechtigung einer Untersuchung nach dem ideologiekritischen Gehalt von Wilhelm Buschs Eduards Traum (1891) mag auf den ersten Blick fragwürdig erscheinen. Handelt es sich doch um eine bizarre Erzählung, die zum großen Teil in phantastischen Gegenden spielt und deren Darstellung der sogenannten 'gewöhnlichen' Welt alles eher denn real anmutet. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass vieles von dem Fabelhaft-Grotesken, dem Sinnlos-Drolligen in Wirklichkeit nur eine Einkleidung für Buschs Kritik an einer mangelhaften Welt ist. Die Satire klagt ja nicht offen an wie das Pamphlet, sondern kritisiert auf den Umwegen der Ironie und der spöttischen Übertreibung. In der vorliegenden Erzählung ist die Kritik freilich sehr warm eingepackt: Neben dem phantastischen Aspekt, der durch den Traum legitimiert wird, wären noch der aussöhnende Humor, der allegorische Charakter des letzten Teiles (193ff.)* und die Abwesenheit jedes - wenigstens direkten - Hinweises auf das Zeitgeschehen zu erwähnen. Außerdem sichert sich Busch vor dem Lesepublikum ab, indem er einen gewissen Freund Eduard den Traum erzählen lässt (eine Tatsache, auf die er während des Traumberichts noch öfters hinweist). Darüber hinaus distanziert er sich verstimmt von der Traumerzählung - wenn dies auch nur ironisch gemeint ist.


Damit haben wir ein zweites Merkmal der Erzählung gestreift: die Doppeldeutigkeit der Aussage. Sie sei an einem Beispiel verdeutlicht, das zugleich die Funktion der Traumeinkleidung deutlich macht.


Manche Menschen haben es leider so an sich, dass sie uns gern ihre Träume erzählen, die doch meist weiter nichts sind als die zweifelhaften Belustigungen in der Kinder- und Bedientenstube des Gehirns, nachdem der Vater und Hausherr zu Bette gegangen. (159)

Dieser Abschnitt ermöglicht eine Doppellektüre. Buchstäblich gibt er eine Klage wieder über Menschen, die darauf aus sind, anderen ihre völlig bedeutungslosen Träume zu erzählen. Die Tatsache aber, dass Busch selbst in diesem Prosawerk nichts anderes macht als einen Traum zu erzählen, lässt uns diese Lesart verdächtig vorkommen. Wir interpretieren den Satz ironisch, und somit verkehrt er sich in sein Gegenteil: Die Träume werden wieder zu Ehren gebracht, weil sie "Belustigungen in der Kinder- und Bedientenstube des Gehirns, nachdem der Vater und Hausherr zu Bette gegangen" sind, d.h. weil sie die Möglichkeit zu freier Meinungsäußerung bieten, die sonst durch die Herrschenden unterdrückt wird. Der Traum hat also eine doppelte Funktion: Einerseits kleidet er die Kritik ein, ja verhüllt und entkräftet er sie; andererseits verleiht er Busch überhaupt erst die Möglichkeit, Kritik zu üben. Formelhaft ausgedrückt: Busch braucht eine Maske, um er selbst sein zu können. Aus dem Beispiel geht hervor, wie wichtig die Unterscheidung zwischen manifestem und latentem Inhalt der Aussagen gerade zur Aufdeckung der eingekleideten Ideologiekritik ist. In unserem Beispiel gibt der manifeste Gehalt die bürgerliche Meinung wieder, die aber, wie sich aus dem latenten Gehalt ergibt, kritisiert wird.

Exemplarisch für das Spiel mit Doppeldeutigkeit in Eduards Traum ist die Eduard-Gestalt selber. Eduard ist der eigentliche Erzähler des Traumes und als solcher Buschs Medium für manche kritische Äußerung. Er ist es, der - durch seine Einschrumpfung zum 'denkenden Punkt' von der Schwerkraft befreit - alle Gegenden durchstreifen und Einsicht in die wahre Beschaffenheit vieler Dinge gewinnen kann. Derselbe Eduard aber erscheint im Alltagsleben als rechter Spießbürger, ein braver Hausvater, der, nachdem Frau Elise und der kleine Emil zu Bett gegangen sind, noch 'behaglich (!) grübelnd' bei Havanna und Abendtrunk den weiteren Abend im Sessel zu verbringen pflegt. Kritiker und Bürger treffen sich also in einer Person. Folglich ist Eduard bald direkt, bald indirekt das Sprachrohr Wilhelm Buschs. Denn auch als 'denkender Punkt' haftet Eduard manches Bürgerliche an, man denke nur an seine Selbstgefälligkeit. An solchen Stellen ist eine Lektüre des latenten Gehalts geboten.

Wir haben dem Aspekt der Doppeldeutigkeit u.a. deshalb soviel Aufmerksamkeit gewidmet, weil man ihn im Folgenden immer vor Augen halten soll. Beim Herausfinden der Objekte der Kritik musste ja ständig geprüft werden, ob diese oder jene Aussage ironisch oder nicht aufzufassen war. Entscheidend in solchen Zweifelsfällen, wie eigentlich für die ganze Arbeit, war ein außertextliches Kriterium: die Frage, ob eine bestimmte Aussage mit Buschs kritischen Ansichten (wie sie zu unseren Vorkenntnissen gehören) in Einklang gebracht werden konnte. Dabei liegt zwar die Gefahr nahe, dass die Möglichkeit einer gehaltlichen Eigenart, einer Abweichung bestimmter Ideen in diesem 1890 geschriebenen Werk verkannt wird; dieses dem hermeneutischen Prozess weniger oder mehr innewohnende Übel ist aber mit in Kauf zu nehmen. Wie gesagt, finden sich in Eduards Traum keine offenen Anspielungen auf bestimmte politische Ereignisse; im Traum werden Zeit und Raum ja aufgehoben (vgl. 160), und eine derartige direkte Zeitbezogenheit wäre auch mit Buschs Natur als Autor in Widerstreit. Von einer politischen Satire kann in bezug auf diese Erzählung nicht die Rede sein. Auch der Begriff 'Sozialkritik' trifft, wie später noch zu erörtern sein wird, nicht zu; die Fülle der dargestellten Lebensbereiche übersteigt jedenfalls das Gesellschaftliche. Kritisiert wird vielmehr die Gesamtheit der in Buschs Zeit herrschenden Anschauungen, Werte und Normen, d.h.: die bürgerliche Ideologie der Gründerzeit. Im Folgenden wollen wir versuchen, stichwortartig die wichtigsten kritisierten Ideologeme aufzuführen.

Das Strebertum

Die aufeinanderfolgende Darstellung der ein-, zwei- und dreidimensionalen Welt hat Busch für eine vortreffliche Verspotttung des karrieresüchtigen Menschen ausgenutzt. Der Streber wird anhand des winzigen mathematischen Punktes exemplifiziert, dem Eduard zum ersten Mal als schüchternem Tänzer im Tanzzelt begegnet (164). Wenn Eduard der geometrischen Ebene zustrebt, folgt ihm das Pünktchen, das sich darüber beklagt, dass es es "zu Hause doch zu nichts brächte. Nun wollte er mal sehn, ob dort drunten in der geometrischen Ebene für ihn nichts zu machen sei" (165). Später, im dreidimensionalen Raum, trifft Eduard den fast unkenntlich gewordenen Punkt, "der so rund und dick geworden war, dass er die ganze Tür versperrte", wieder.


Durch eine gewandte Drehung in der Ebene hatte er's dort bald zu einem umfangreichen Kreise gebracht, war darauf in den dreidimensionalen Raum ausgewandert, hatte sich hier durch ähnliche Umtriebe zur wohlbeleibten Kugel entwickelt und wollte sich nun mit Hilfe eines geeigneten Mediums materialisieren lassen, um dann später, ein Streber wie er war, als Globus an die Realschule zu gehn. (168)

Das Wort 'materialisieren' spricht Bände in diesem Zusammenhang: Der strebende Punkt (sprich: 'Mensch'), der doch grundsätzlich ein ideelles Wesen (sogar 'rein gedacht' und 'nur mathematisch') war, ist seine Eigenart preiszugeben bereit, wenn das nur seiner Karriere zugute kommen kann. Bemerkenswert ist die Weise, in der Busch - durch Eduards Mund - dem phantastischen Einzelfall Allgemeingültigkeit verleiht und zugleich die Verbindung zwischen fiktiver und reeller Welt darstellt:


Aus dem nichtssagenden Kerlchen war ein richtiger Protz geworden, der mich behaglich wohlwollend zu behandeln gedachte. Da ich mir das aber von einem bloß aufgeblasenen Punkte, denn das sind alle seinesgleichen... (168)

Im ersten Satz wird über den Punkt schon völlig in menschlichen Termini gesprochen; mit dem Nebensatz über 'alle seinesgleichen' fallen fiktive und Realwelt zusammen.

Der Sack und die Mäuse (W. Busch)

Eine ähnliche Kritik an den gesellschaftlichen Emporkömmlingen, diesmal in der Menschenwelt situiert, bildet die Beschreibung eines Dialogs im Bauernhaus.


Des Bauern Töchterlein sitzt am Klavier. Es klopft. "Sind der Herr Vater zu Hause?" so fragte der Hammelkäufer. "Bedaure sehr!" erwidert sie zierlich. "Papa fährt Mist!" (173)

Die ungewollt aus ihrer neuen Rolle fallende Bauerntochter illustriert die Lächerlichkeit, wozu Streberei, die den früheren Status abzuwerfen versucht, führen kann. Eduard gibt den ironischen Kommentar: "Ein erfreuliches Beispiel frisch aufblühender Bildungsverhältnisse, die noch etwas von dem kräftigen Dufte des humushaltigen Erdreichs an sich haben, worauf sie gewachsen sind." (173)

Geschäftstüchtigkeit und Materialismus

Die in Eduards Traum dargestellten Arbeitsformen haben fast alle mit dem Bereich der Wirtschaft zu tun, ja, die Wirtschaft scheint das ganze Tun und Lassen der Menschen zu bestimmen. Diese Tatsache weist auf die enge Verknüpfung dieser phantastischen Erzählung mit dem Geist der Gründerzeit hin, die wohl vor allem durch das Gewinn- und Erfolgsdenken geprägt war. Der Materialismus als Triebfeder nicht nur der menschlichen Handlungen, sondern sogar der menschlichen Gefühle wird in der Szene mit der durch Inkompetenz des Arztes gestorbenen Bäuerin angeprangert. Dort heißt es: "Der Bauer war untröstlich; denn das Honorar betrug 53 Mk. 75 Pf." (171) Nicht der Tod der Ehefrau, sondern der Verlust einer Summe Geld verursacht das Leid des Bauern. Wenn derselbe Bauer ein wenig später bemerkt, dass er noch dreizehn Ferkel 'à Stück 22 Mk.' besitzt, ist er bald 'ein neuer Mensch'!

Der bürgerliche hohe Wert der Geschäftstüchtigkeit wird unbedingt als verkappter Betrug entlarvt, und das sowohl im Bereich der Produktion wie in dem der Distribution und der Finanz.


Im wöhnlichen Stübchen voll sumsender Fliegen steht das tätige Mütterlein. Sie sucht Fliegenbeine aus der Butter, die sie demnächst zu kneten gedenkt; denn Reinlichkeit ist die Zierde der Hausfrau. Aber ihr Stolz ist die Klugheit. Mit mildem Kartoffelbrei füllt sie die Butterwälze, denn morgen ist Markttag in der Stadt. (173)

Im Erdgeschoß [einer Mietskaserne] befinden sich Geschäftsräume. Bequem im Sessel ruht der Kassier. Er hat soeben unter Aufwand seiner vorzüglichsten Geisteskräfte eine neue Art helldunkler Buchführung erfunden, die genau so aussieht, als ob alles in Ordnung wäre, und raucht nun zur Erholung eine echte Havanna. (178)

Typisch ist der Zusammenhang, der in beiden Abschnitten zwischen von der Gesellschaft allgemein honorierten Tugenden und den bösen Zwecken, denen sie dienen, hergestellt wird. Auch die Vertreter von Gericht und Beamtentum, die ein wachsames Auge auf das ganze Geschäftswesen behalten sollen, unterliegen dem egoistischen Besitzdrang (vgl. das Reich der Zahlen 162f.).

Der Antisemitismus

Im Zusammenhang mit der kapitalistischen Gewinnsucht gab es in Buschs Zeit einen Hass auf die Juden, die u.a. als zu starke Konkurrenten betrachtet wurden. Dieses Ideologem findet in Eduards Traum seinen Niederschlag in einem Abschnitt, der mit dem vielbedeutenden Satz "Das Geschäft steht in Blüte, der Israelit gleichfalls" anfängt (177). Nun ist diese Stelle, die Eduard in den Mund gelegt wird, offenbar nicht ironisch, sondern wirklich buchstäblich aufzufassen. Man könnte daher auf eine Übernahme der antisemitischen Gesinnung durch Busch schließen. Dem widersprechen aber zwei Punkte: Erstens wird eigentlich nur die Tatsache verspottet, dass die Juden noch mehr für das Geschäft übrig haben als die anderen Leute; Busch tadelt nur die auf die Spitze getriebenen 'bürgerlichen Tugenden' (sprich: ihre Geldsucht und ihren Materialismus). Zweitens ist der Abschnitt über den Israeliten einem über das Haus eines 'antisemitischen Bauunternehmers' nachgestellt. Und hier ist plötzlich vollauf von einer Unmenge von Lastern die Rede: Vergiftungsversuch, Ehestreit, Diebstahl, Hass und Betrug bevölkern die Etage der Mietskaserne.

Mietskasernen in Kreuzberg

Bei der Beschreibung eines unglücklichen Fallschirmspringers, der hinunterfällt, wird der Antisemitismus deutlich ironisiert.


Er setzt sich auf den spitzigen Blitzableiter der Synagoge. Er zappelt unwillig mit Händen und Füßen, denn (!) er war Antisemit. Dann ließ er nach und gab sich zufrieden.-
Ja, meine Lieben! Im ersten Augenblick ist einem manches nicht angenehm, aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles. (184)

Dass trotzdem von einer gewissen ambivalenten Haltung Buschs den Juden gegenüber gesprochen werden muss, belegt m.E. eine dritte Stelle, wo Eduard den Figuren des Tierkreises begegnet: "Nicht weit davon in seiner Butike saß der schlaue krummnasige 'Wassermann' - Juden gibt's doch allerwärts! - -und regulierte die 'Waage' zu seinen Gunsten." (184) Der zwischengeschobene Satz ist offenbar ironisch gemeint, er hebt jedoch die Aussage des Hauptsatzes nicht auf.

Der Rousseauismus

Die Sehnsucht des industrialisierten 19. Jahrhunderts nach der 'ländlichen Reinheit' hat in Eduards Traum viel zu erdulden. Die (schön parodierte) Idylle wird gründlich zerstört in der Beschreibung des 'freundlichen Dörfchens' (170-175), das sich bei genauem Hinsehen als Schauplatz von Streitsucht, Grausamkeit, Aggressivität, Geldgier, Herzlosigkeit, Dummheit und Betrug herausstellt. Die Idee des 'ursprünglich guten Menschen' erweist sich nicht nur in der Arbeit, sondern auch in der Ehe als Fiktion. Von den vielen geschilderten Ehen ist keine einzige glücklich zu nennen, wohl im Gegenteil. Der Gegensatz Stadt/Land spielt dabei keine Rolle. Von einem besonnenen Hausvater auf dem Lande heißt es: "Dieser Vater, so scheint es, hatte bereits den Gipfel der ehelichen Zärtlichkeit erklommen, wo die Schneeregion anfängt." (172) In der Stadt geht das eheliche Zusammenleben so zu:


Im ersten Stock, beim Scheine der Lampe, sitzt ein altes trauliches Ehepaar. Fast fünfzig Jahre sind's her, dass sie sich liebend verbunden haben. Sie muss niesen. "War das eine Katze, die da prustet?" fragt er. "War das ein Esel, der da fragt?" spricht sie. (178)

Das alles veranlasst Eduard dazu, zu bedenken, dass ihm "ein wahrhaft guter Mensch" noch nicht vorgekommen sei. Er wird auf einen 'Menschenfreund' aufmerksam gemacht, "dem der Besitz eine Last sei und das Verteilen ein Bedürfnis" (182). Bei einem Besuch zeigt sich aber, dass auch dieser Mensch, von der Schlechtigkeit seiner Mitmenschen bedrängt, "doch kein recht guter Mensch war." Die anti-rousseauistische Kritik wird noch dadurch gesteigert, dass Eduard in Gestalt eines philantropischen Reichen, der seine (anderthalb Mark schwere) 'Freigebigkeit' beklagt, "sogar einen mehr als guten Menschen" erkennt.

Die bürgerliche Moral

Wir haben gesehen, wie Busch den Glauben an den 'guten Menschen' in den Grundfesten erschüttert hat. Wenn einige Figuren in der Erzählung sich trotzdem auf Moralisches berufen, so liegt es nahe, dass dies als Doppelmoral entlarvt wird. Der Widerspruch zwischen Worten und Taten wird an der Vorführung des 'bescheidenen Wandersmanns' im Wirtshaus (notabene wieder auf dem Lande) klargemacht.


Nachdem er langsam aber gründlich seine Mahlzeit beendigt, steht er auf, um zu zahlen. Er lässt sich auf ein falsches Fünfmarkstück herausgeben und entfernt sich mit einem herzlichen "Gottbefohlen". (173)

Im Kunstverein der Stadt läuft ein Prinzipienreiter der Sittlichkeit herum:


So ein ruppiger alter Junge schnüffelte an allen Bildern herum und suchte nach Zweideutigkeiten, um sich sittlich zu entrüsten. Man nannte ihn den "Mann mit der schmutzigen Brille", weil er überall den Unrat wittert, den er mitbringt. (181)

Am deutlichsten wird die wirkliche Funktion einer solchen Moral in Eduards (ironische) Kommentar zum Verhalten des Besen- und Rutenbinders auf der Landstraße enthüllt. Der Ton dieser Geschichte ist übrigens zugleich eine Parodie auf das idyllische Bild vom einfachen aber weisen Landmann. Der Handwerker findet den vom Arzt verlorenen Geldbeutel und steckt ihn sofort in die Tasche. Wenn der Doktor ihn ein wenig später fragt, ob nichts gefunden sei, antwortet der Landmann 'mit überzeugender Miene' verneinend.


So hatte der Weise einem seiner unerfahrenen Menschen eine wertvolle Lehre gespendet, ohne ihn in die peinliche Lage zu bringen, sich bedanken zu müssen. Er konnte aber auch, nachdem er eine gute Tat verrichtet, zugleich mit dem angenehmen Bewusstsein nach Hause zurückkehren, dass dieselbe nicht unbelohnt geblieben, was sonst so selten ist... (174)

Die Moral, die das Handeln des Menschen bestimmen soll, erscheint hier als Rechtfertigung des schlechten Handelns post factum, als ein Beschönigen der wirklichen Motive (nämlich Egoismus) mit falschen Worten, eine Erscheinung, für die die Psychoanalyse den Terminus 'Rationalisierung' bereithält.

Der Konventionalismus und die Heuchelei, die die Folgen einer solchen Moral sind, werden an den hohlen Bewohnern der dreidimensionalen Welt vorgeführt:


Einer durchschaut den andern; und doch reden diese Leute, die sich durch und durch kennen, die nicht so viel Eingeweide haben wie ein ausgepustetes Sperlingsei, von dem edlen Drang ihres Innern und sagen sich darüber die schönsten Flattusen. (167)

In der Menschenwelt findet diese Erscheinung im hohen Salonleben ihr Pendant, wo der 'alte Adam' und Eva, sobald sie 'was auf die hohe Kante gelegt' haben, die Spuren ihrer sündigen Vergangenheit so zu verhüllen wissen, "dass man kaum noch sieht, was eigentlich dran ist" (179).

Die Industriegesellschaft

Die Folgen der Industrialisierung, die im Deutschland der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts großen Aufschwung nahm, werden von Busch in der grotesken Darstellung der Welt des Stückwerks (168f.) kritisiert (1). Dort leben die separaten Körperteile in einer herrschaftlichen Gesellschaft, in der die Hände für die höherstehenden Köpfe und die Füße - gegen Bezahlung - die verschiedenste Arbeit leisten. So schildert Busch, wie bei solcher weitgehenden industriellen Arbeitsteilung der Mensch durch seine sinnentleerte Arbeit von sich selbst entfremdet wird. Die Hoffnungslosigkeit derer, die - in der Nähe einer Stadt mit 'hochrauchenden Schornsteinen' - den Zug zum Wohlstand für immer verpasst haben, steigt aus der folgenden, in ihrer Grausamkeit surrealistisch anmutenden Szene empor:


Auf dem Bahndamm standen mehrere Personen. Ein Greis ohne Hoffnung, eine Frau ohne Hut, ein Spieler ohne Geld, zwei Liebende ohne Aussichten und zwei kleine Mädchen mit schlechten Zeugnissen. Als der Zug vorüber war, kam der Bahnwärter und sammelte die Köpfe. Er hatte bereits einen hübschen Korb voll in seinem Häuschen stehn. (176)


Die Tendenz der Heroisierung

Das neugegründete Deutsche Reich sehnte sich nach 'großen Persönlichkeiten', die das Machtstreben der einzelnen versinnbildlichen konnten. Busch unterwirft diese Tendenz einer ernüchternden Relativierung.


Mit der Politik gab ich mich nur so viel ab, als nötig, um zu wissen, was ungefähr los war. Vor wenigen Tagen war der größte Mann seines Volkes vom Bocke gestiegen und hatte die Zügel der Welt aus den Händen gelegt. Nun hätte man meinen sollen, gäb's ein Gerassel und Kopfüberkopfunter. Doch nein! ... Die Welt ist wie Brei. Zieht man den Löffel heraus, und wär's der größte, gleich klappt die Geschichte wieder zusammen, als wenn gar nichts passiert wäre. (181f.)

Mit 'dem größten Mann seines Volkes' wird der im März 1890 zurückgetretene Bismarck gemeint sein, der als die große Persönlichkeit auf Händen getragen wurde, hier aber wie in Buschs Gedicht aus der Kritik des Herzens als gar nicht 'unentbehrlich' erscheint.

'Der Lotse verlässt das Schiff' (Karikatur von Sir John Teniel, 1890)

Eine ähnliche Bewertung wird den so bewunderten Bürgerdichtern der Zeit zuteil:


Ein Barbier, der mit wenig Seife viel Schaum schlagen konnte, war kürzlich unter die Literaten gegangen. Er hatte großen Erfolg, wie ich hörte, trug bereits drei Brillantringe an jedem Finger und wollte sich demnächst mit einer Köchin verheiraten, die ohne Schwierigkeit ein einziges Eiweiß zu mehr als fünfzig Schaumklößen aufbauschte, also auch noch was leisten konnte. (169)

Eine musterhaftere Illustration des Begriffs 'kulinarische Kunst' ist kaum denkbar.
 
Die Liste der kritisierten Elemente ließe sich um ein Bedeutendes erweitern. Deutlich dürfte jedenfalls geworden sein, dass diese phantastische Erzählung gar nicht so unabhängig von Zeit und Raum im Leeren schwebt. Es gilt nun, den kritischen Wert des Werkes in seiner Gesamtheit abzuschätzen. Wir haben die Kritik in Eduards Traum vorhin als Kritik der Ideologie bezeichnet. Der Begriff hat sich wohl insofern berechtigt gezeigt, als die angeführten Punkte tatsächlich einen großen Teil des bürgerlichen Mensch- und Weltbildes von Buschs Zeit kritisieren. Der Begriff der Ideologiekritik enthält aber noch eine andere Komponente, und zwar das Aufzeigen der Epochen- und Klassenbedingtheit der herrschenden Ideen. Dies wird jedoch in Buschs Erzählung nicht realisiert, vielmehr das Gegenteil. Das sog. 'angenehme Kommunalwesen' (185 ff.), das doch in seiner genossenschaftlichen Gesellschaftsstruktur ein Gegenstück zu der streng hierarchisch gegliederten Struktur der anderen besuchten Gesellschaften darstellt, stützt sich nicht auf eine Änderung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse, sondern auf einen medizinischen Eingriff in die körperliche Verfassung des Menschen. Der menschliche Egoismus und das Machtstreben des Einzelnen, die in Eduards Traum als Ursache aller Missstände angedeutet werden, sind hier durch Ausbohrung der 'Konkurrenzdrüse' ("hinter dem einen Ohre, tief in der Gehirnkapsel") beseitigt worden. Das bedeutet aber, dass nicht die sozialen Verhältnisse, sondern die in jedem Menschen verankerte Bosheit nach Busch die Mängel in der Welt bestimmen. Dies wird auch dadurch bestätigt, dass keine einzige Figur in der Erzählung - auch nicht der kritische Beobachter Eduard - von Mängeln frei ist. Für das Wesen der Ideologiekritik hat das schwere Folgen. Jede aufbauende, zielgerichtete Kritik setzt ja gemeinhin den Glauben an die Veränderbarkeit des Menschen voraus; nur dann erscheint eine Verbesserung der Strukturen sinnvoll. Dieser Glaube an das Gute im Menschen fehlt in Eduards Traum; stattdessen herrscht völliger Pessimismus.

Der Hinweis auf Buschs Beeinflussung durch Schopenhauer liegt hier nahe. In der Tat können viele Szenen in Eduards Traum als Konkretisierung der schopenhauerschen Philosophie betrachtet werden (2). Das dargestellte Treiben von Zahlen, Punkten, Linien, Figuren, Körperteilen und Menschen lässt sich als Wirkung des alles beherrschenden 'Willens' interpretieren, des unheilbringenden Dranges, der sowohl dem Organischen wie dem Unorganischen eigen ist. Die Grundbeschaffenheit alles Handelns und die Unveränderbarkeit des Menschen (das Böse ist biologisch in ihm verankert) können ebenfalls mit den Ansichten Schopenhauers in Einklang gebracht werden. Man vergleiche nur die folgenden Zitate: "Die Haupt- und Grundtriebfeder im Menschen wie im Tiere ist der Egoismus, d.h. der Drang zum Dasein und Wohlsein [... ] Dieser Egoismus ist im Tiere wie im Menschen mit dem innersten Kern und Wesen desselben aufs genaueste verknüpft, ja, eigentlich identisch." (3) "Der Charakter des Menschen ist konstant. Er bleibt derselbe, das ganze Leben hindurch. [...] Der Mensch ändert sich nie." (4)

Schopenhauer-Karikatur von Wilhelm Busch

Trotz des nachweisbaren Einflusses enthält Eduards Traum im Paragraphen beim 'Naturphilosophen' u.a. aber auch eine Parodie auf Schopenhauer und dessen Ideen. Dabei ist es Busch m.E. jedoch vor allem darum zu tun, die Unerklärbarkeit vieler Erscheinungen zu zeigen.

Eine gleichartige Funktion erfüllt die Allegorie, die den letzten Teil der Erzählung vom Traum bildet. Die Erwartung, dass diese Allegorie den Schlüssel zu einer Alternative für die dargestellten Übel bieten werde, wird nicht eingelöst. Zunächst bestätigt sich noch einmal, was schon zum Überfluss gezeigt worden ist: wie alle Menschen (auch die 'guten Vorsätze') der Bosheit unterliegen. Es folgt eine Absage an die Anachoreten, deren Verhalten sich als sinnlos erweist. Eduard sieht die Stadt, aus der die ganz kleinen Kinderchen kommen. Jedes Kind bekommt einen schwarzen Wischer: Das Böse liegt von Anfang an fest im Menschen selber beschlossen. Umsonst versucht Eduard, zusammen mit einigen Pilgern in die 'herrliche Tempelstadt' einzutreten; der Zugang bleibt ihm versagt, weil er 'kein Herz' hat. Daraus hat man geschlossen, die Liebe, 'ein praktisches Christentum' (5) bilde die Alternative zu der dargestellten Herzlosigkeit der Welt. Eine solche Interpretation übersieht, dass auch die Lösung, 'ein Herz' zu haben, ganz am Ende des Traumberichts ironisiert wird. Bei Eduards Rückkehr ins traute Heim heißt es nämlich:


Ich hatte mein Herz wieder und Elisen ihrs und dem Emil seins, und, Spaß beiseit, meine Freunde, nur wer ein Herz hat, kann so recht fühlen und sagen, und zwar von Herzen, dass er nichts taugt. Das Weitere findet sich. (200)

Es hat sich herausgestellt, dass Buschs Ideologiekritik in Eduards Traum nicht in von seiner Zeit abweichenden politischen oder sozialen Auffassungen, sondern in einer tiefgründigen, pessimistischen Lebensanschauung wurzelt. Busch söhnt die Härte seiner an Nihilismus grenzenden Unzufriedenheit mit den Menschen aus durch das, was er selber Humor nannte, was aber in Wirklichkeit Ironie ist. Für Busch boten 'Humor' und Phantasie die Distanz, die das Leben leidlich machen konnte. Für diejenigen, die in der Welt mehr sahen als "einen nicht unbedeutenden Knödel, durchspickt mit Semmelbrocken" (185), lieferte die Ironie in Eduards Traum genug kritisches Material, um "es jedermann merken (zu) lassen, dass die Bilanzen ein Defizit aufweisen" (201).

Anmerkungen

* Die arabischen Ziffern zwischen Klammern beziehen sich auf die Seitenzahlen von Eduards Traum in Band IV der Gesamtausgabe, hrsg. v. F. Bohne, Hamburg 1959 (später Wiesbaden). Der Text findet sich auch im Internet: Wilhelm Busch: Eduards Traum

(1)  Auf gerade diese kritische Funktion der angeführten Stellen hat mich die Busch-Monographie von J. Kraus, Reinbek 1970, S. 135 ff. aufmerksam gemacht.
(2)  Vgl. J. Ehrlich, Wilhelm Busch der Pessimist. Sein Verhältnis zu Arthur Schopenhauer, Bern 1962, passim.
(3)  Zit. nach A. Schopenhauer, Welt und Mensch. Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk von Arthur Hübscher, Stuttgart 1971, S. 122.
(4)  a.a.O., S. 128
(5)
  E. Ackerknecht im Nachwort zur Reclam-Ausgabe von Eduards Traum, Stuttgart 1959, S. 71.

oorspronkelijk verschenen in Wilhelm-Busch-Jahrbuch 1978

Zu Wilhelm Buschs Leben und Werk: Wilhelm-Busch-Seiten

Notiz über Ludwig Wittgensteins Interesse für Eduards Traum: http://www.phil.uni-passau.de/dlwg/ws02/21-2-94.txt

Erik de Smedt